Architekten müssen Reisemuffel sein. Statt ihre Koffer zu packen, tüfteln sie unentwegt an neuen verwegenen Entwürfen, um noch mehr Designpreis-Urkunden an die Wände ihrer Büros hängen zu können. Denn wären Architekten mehr Globetrotter, die Hotelzimmer dieser Welt sähen anders aus. Kein Architekt checkt in einer Lobby ein, in der man sich in der Eingangshalle eines Einwohner-Meldeamtes wähnt. Dazu ein Rezeptionsschalter, vor dem man tatsächlich versucht ist, eine Wartenummer zu ziehen.
Nein, diese Zumutungen ersparen sich die Architekten. Die Rede ist von einer Hotel-Spezies, die rund um den Globus als Nonplusultra des zeitgemässen Reisens angepriesen wird, im Kern aber leider oft eine Unverschämtheit sind: Design-Hotels.
Es beginnt schon beim Personal: Gut aussehend zwar, aber gerne damit beschäftigt, dem zahlenden Gast zu signalisieren, dass man zum Dienen nicht geboren sei. Die Empfangsdame steigert die Kundenfreundlichkeit noch, indem sie Check-in und Check-out gleichzeitig abwickelt, also Vorkasse verlangt. Sieht man sich die Farbkombinationen einiger Design-Hotels näher an, kann man die Zechprellerei mancher Kunden nachvollziehen.
Im Zimmer lauern dann extravagante und stylische Möbelmodule auf den Gast. In einer düsteren Ecke schämt sich ein Sessel jener Sorte, die bequem aussehen, aber garantiert für den nächsten Besuch beim Orthopäden verantwortlich sind. Aus seinen Polstertiefen erhebt sich selbst der Yoga-Meister nur mit verrenkten Gliedern. Ein Holzbrett an der Wand spielt zwei Rollen gleichzeitig: Schreibtisch und Minibar-Angebot. Zwei Deziliter warmes Bier aus der lokalen Brauerei als Begrüssungsdrink. Mehr Ablageflächen sind nicht vorgesehen. Mehr als drei Kleiderbügel? Fehlanzeige.
Die Frage aller Fragen nach dem Betreten des Zimmers: Wohin mit dem Koffer? An einem Seil aus dem Fenster hängen? An der Rezeption abgeben? Ins Bad stellen? Aussichtslos. Grösseres Reisegepäck ist im Konzept nicht vorgesehen. Und wer mal muss, muss erst den Bauch einziehen, um überhaupt in die Nasszelle zu passen, die ihrem Namen alle Ehre macht. Wer duschen will, muss die Lesebrille mitnehmen. Denn ohne diese kann niemand die 4 Punkt-Schrift auf den Fläschchen lesen. Wer schon mal versucht hat, mit Body Lotion die Haare zu waschen, weiss wovon ich spreche.
Zwei Dinge verhindern den friedlichen Schlaf. Erstens: Der Gast nebenan. Er hat an der Bar nicht genug getrunken oder das Schlafmittel vergessen und geniesst nun die Übertragung eines Rockkonzerts in voller Lautstärke. Den zweiten Grund für Schlaflosigkeit dürften die Direktoren und Housekeeping Manager bereits ahnen: Was da auf den meisten Design-Hotelbetten herumlungert, ist das traurige Ergebnis einer verfehlten Kissenpolitik. Rund und prall versprechen, sie angenehmen Schlafkomfort. Unter der Last des Gästekopfes fällt die aufgeblasene Pracht in sich zusammen wie ein klassisches Soufflé. Und bleibt es auch.
Morgens sollte ein gutes Frühstück als Friedensangebot fällig sein. Das ist der Fall, wenn auf der Terrasse oder im Wintergarten ein Müsli mit frischen Früchten, danach ein Dreieinhalb-Minuten-Ei, Brot von der Bäuerin und hausgemachte Brombeer-Konfitüre serviert wird. Oft gleicht das Frühstück im Design-Hotel eher einer Kriegserklärung: Es gibt Orangensaft-Konzentrat aus Plastikcontainern, Industriekäse (zum Glück ist er angeschrieben, sonst käme kein Mensch auf die Idee, dass es sich um Käse handelt) und einen einzigen Toaster, um den sich die Gäste streiten.
Ein Hotel ist keine Chill-out-Lounge. Stille stört nicht! Das wäre ein schöner letzter Satz auf dem Fragebogen zur Gästezufriedenheit, bei dem man sich ohnehin fragt, ob die Frage „Wie können wir in Zukunft unser Angebot noch besser auf Ihre Bedürfnisse abstimmen?“ nicht eigentlich bedeutet: „Wie weit können wir gehen, ohne Sie als Kunden zu verlieren?“ Als Dank für das Fragebogenausfüllen wird gerne ein Wochenende im Design-Hotel verlost. Da kann jeder Gast nur inständig hoffen, dass sie oder er nicht gewinnt.
Ich danke Ihnen, dass Sie den Salespresso lesen.